xpt 095. ZERRISSEN für Violine und Orchester

xpt 095.  WIE EIN ZERRISSEN SAITENSPIEL

Kompositionszeit von Oktober 1993 bis 7. November 1994Violine und Orchester30′

Werkkommentar: WIE EIN ZERRISSEN SAITENSPIEL und: Hölderlin-Fragmente

Die Beschäftigung mit Friedrich Hölderlin

Hyperion beeinflusste zwei Werke aus den Jahren 1993/94 sehr direkt: Die Hölderlin-Fragmente für Tenor und Orchester und das Violinkonzert. Beide Werke verdanken ihre Entstehung auch einem äußeren Anlass: als Auftragswerke zum 400jährigen Bestehen des Württembergischen Staatsorchesters Stuttgart.
Wenn Hyperion an Bellarmin schreibt: »Wie war denn ich? War ich nicht wie ein zerrissen Saitenspiel? Ein wenig tönt ich noch, aber es waren Todestöne.«, so drängt sich sofort tiefe Resignation in den Vordergrund. Im Umfeld dieser Sätze gibt es aber auch wärmendes Licht: »Und dennoch kehrt sein Frühling wieder! Weint nicht, wenn das Trefflichste verblüht! bald wird es sich verjüngen! Trauert nicht, wenn eures Herzens Melodie verstummt! bald findet eine Hand sich wieder, es zu stimmen!«
Diese beiden Pole, Plus und Minus, bilden den Grund, auf dem das Violinkonzert gewachsen ist. Nun darf niemand eine traditionelle Konzertform erwarten. Es handelt sich um einen großen, langsamen Satz, der durch zwei Cadenz-Einschübe in drei Teile gegliedert wird.
Mit dem Beginn habe ich eine ältere Idee aufgegriffen, die Schlusstakte eines Werkes gleichzeitig zum Beginn einer neuen Partitur zu benutzen. (»Concerto grosso« -Musik für Orchester) Allerdings, eine wörtliche Übernahme der ersten Takte hat mich als Komponist nicht befriedigt – so gibt es auch hier gleich Erweiterungen und auch Instrumentationsretuschen. Unbedingt erhalten geblieben ist der Impuls zum Neubeginn, die Gestik, verbunden mit einem Grundakkord.
Auch der Orchesterklang lässt sofort wissen, Düsternis und Ernst werden vorherrschen.
In der Harmonik fällt den Sekunden eine wichtige Funktion zu, z. B.

 

Auch folgende lyrische Floskel, gleich zu Beginn in der Solo-Violine, bewegt sich auf engem Raum:

 

deren Rahmen ein Tritonus bildet, ist sozusagen die Hefe, die den Gärprozess lebendig hält. An diesem Punkt meiner Betrachtung lege ich eine scharfe Abkehr vom Wege einer beginnenden Analyse ein – dies überlasse ich lieber anderen. So gerne ich Werke anderer Komponisten neugierig untersuche, ja manchmal mit großer Befriedigung bis in kleinste Verästelungen durchleuchte, bei eigenen Werken hält mich persönliche Scheu auf Distanz – zumindest bei neueren Stücken fehlt mir der zeitliche Abstand zum Kompositionsprozess, um ehrlich und unbelastet über meine eigene Musik reflektieren zu können.
Den Geiger Joachim Schall kenne ich ungefähr seit fünfzehn Jahren, und einen Plan, für ihn ein Werk für Geige und Orchester zu schreiben, gibt es auch schon etliche Jahre.
Wie eingangs erwähnt, ist die Partitur 1993/94 entstanden, aber im Herbst 1992 habe ich eine Art »Studie« geschrieben – betitelt »Cadenza« für Violine solo. Joachim Schall spielte im April 1993 die Uraufführung und hatte damit schon vor Beginn der Partiturniederschrift des Violinkonzerts das musikalische Material in Händen. Teile dieser »Cadenza« sind vorwiegend im dritten Abschnitt in den Solo-Part eingegangen, während die beiden »Cadenzen« im Violinkonzert eine neue Gestalt erhalten haben. Die »Cadenza« für Violine solo ist somit ein eigenständiges Werk, das auch losgelöst vom Violinkonzert aufgeführt werden kann.
Vor einigen Wochen hat mir Joachim Schall das Violinkonzert zum ersten Mal komplett vorgespielt (mit einer auf Klavier reduzierten Orchesterfassung), und bei dieser Gelegenheit bekannte er mir eine leichte Irritation bezüglich der formalen Anlage
des Stücks, besonders im Hinblick auf den retardierenden inneren Puls nach der zweiten Kadenz. Das ist natürlich gewollt; hat mit Hölderlins Hyperion zu tun, genauer gesagt mit meiner ganz persönlichen Reflexion der Hölderlinschen Dichtung. Auch habe ich hier wie so oft meiner Neigung nachgegeben, einen »leisen« Schluss zu komponieren. Die Stringenz des Partiturbeginns erfährt also keine Entsprechung am Ende. Und die beiden Cadenzen zeigen ihre enormen technischen Forderungen an den Solisten auch nicht offen.
Bei aller Schwierigkeit des Soloparts verweigert diese Musik dem Virtuosen das »äußerliche Glänzen«, ist der Solist Teil eines symphonischen Ganzen.

Xaver Paul Thoma, Bad Mergentheim, 4. November 1995

Biographische Inseln mit Friedrich Hölderlin

Es gibt sicher im Leben eines jeden Menschen Kindheits- und Jugenderlebnisse, die irgendwann im Erwachsenenleben wieder mit Heftigkeit nach außen drängen und lange zurückliegende Erinnerungen wieder lebendig werden lassen.
Nun, die wichtigste Begegnung in meinem Leben ist zweifellos die geheimnisvolle Welt der Musik, die bis zum heutigen Tag mein tägliches Denken und Fühlen mit immer größer werdender Intensität erfüllt.
Um mir nach einer Kinderkrankheit in meinem vierten Lebensjahr die langwierige (und langweilige) Genesungszeit zu erleichtern, schenkten mir meine Eltern eine Blockflöte; und so hatte ich während einiger Wochen viel Zeit, die Kraft der Musik zu entdecken. Ausgerüstet mit einer Grifftabelle und einigen Tips von meinem Großvater (der als Berufsmusiker außer Violine und Klavier auch Klarinette und Trompete spielen konnte) ist mir noch sehr klar in Erinnerung, daß das Erfinden von Melodien mich in große Erregung versetzte. Allerdings gab es damals (1957) noch keine Versuche meinerseits, diese Melodien aufs Notenpapier zu malen.
Eine weitere wichtige (für mich) Episode handelt von zwei Kochlöffeln, mit denen sich in kindlicher Einbildungskraft wunderbar musizieren ließ: In meinem Elternhaus (Gasthaus »Zur Kanone« in Haslach/Kinzigtal) gab es jede Woche im Nebenzimmer Chor- und Orchesterproben der »Harmonie« Haslach, und besonders die Proben des Laienorchesters wurden von mir begeistert besucht. Da ich noch keine eigene Geige hatte, besorgte ich mir einfach aus der Küche zwei große Kochlöffel, setzte mich zu den Orchestermusikern und spielte mit. Der Lohn dieses »ersten Probespiels« war eine Viertelgeige, die am Ende dieses ereignisvollen Jahres (1958) am 24. Dezember alle anderen Geschenke vollkommen übertrumpfte.

Im Alter von etwa zwölf Jahren entstanden dann die ersten Kompositionen, überwiegend Geigenduos, die ich mit einem Freund sofort ausprobierte. Auch die ersten Lieder sind in den folgenden Jahren (1966/67) entstanden, überwiegend auf Gedichte von Goethe und Wilhelm Busch, aber auch Friedrich Hölderlin. In der nicht sehr umfangreichen elterlichen Bibliothek befand sich nämlich eine Vorkriegsausgabe (1937) mit einer Auswahl verstümmelter Gedichte und Texte Friedrich Hölderlins, herausgegeben unter dem Motto: Gestalten und Urkunden deutschen Glaubens -und eben dieser Friedrich Hölderlin hat mich in eine große Unruhe versetzt.
Unverständlich, deshalb geheimnisvoll, lebte ich mit diesem Buch in fernen Welten einer Diotima und eines Hyperion, der griechischen Götter oder irdischer schwäbischer Wanderungen.
Eine andere Art von Wanderung in immer wiederkehrender Form rührte mich inzwischen alle zwei Wochen (sonntags) mit der Eisenbahn nach Oberkirch im Renchtal. Dort lebte Albert Dietrich (1908-1979), Solobratschist des SWF-Orchesters Baden-Baden, der, nach den ersten Unterrichtsjahren bei meinem Großvater Karl Thoma, ab meinem neunten Lebensjahr (1962) meine Ausbildung auf der Geige übernahm. Diese Unterrichtsbesuche haben in vielfältiger Weise mein Musik- und Lebensverständnis in späteren Jahren geprägt. Staunend absolvierte ich meinen Geigenunterricht in einer Wohnung, die bis unter die Decke mit Büchern gefüllt eher einer Bibliothek glich, und gar manches Mal hat er mir eines davon in die Hand gedrückt mit den Worten: »Xaverle, do lies, guate Biacher schadet nix«.
Er war es auch, der mich zu kontrapunktischen Studien angehalten hat, besonders durch Hinweise auf Schönbergs Streichquartett op.7 und die Kammersymphonie op.9;
und auch über Max Reger sind mir intensive Gespräche noch lebhaft in Erinnerung.
Auch einer dem Komponieren verwandten Kunst verdanke ich viele Anregungen:
Albert Dietrich war ein exzellenter Koch!
Nun, Albert Dietrich war an der Musikhochschule Karlsruhe als Lehrer tätig; und so kam es dazu, daß ich schon 1968, also mit 15 Jahren, mein Musikstudium in Karlsruhe aufgenommen habe: Violine und Viola bei Albert Dietrich (später bei Jörg-Wolfgang Jahn), ebenso Kammermusik, besonders intensiv Streichquartettspiel (als Bratschist war ich von 1972-1980 Mitglied des Wahl-Quartetts).
Musiktheoretische Studien wie Analyse, Kontrapunkt, Harmonielehre hatte ich u.a. bei Eugen Werner Weite und Roland Weber belegt. In diese erste Karlsruher Zeit (1969) fällt meine zweite intensive Beschäftigung mit Hölderlin – es entstanden etliche Lieder mit Klavier, erhalten hat sich auch noch eine Orchesterfassung An Diotima, und für gemischten Chor a capella Geh unter schöne Sonne.
In den folgenden Jahren erhält das Komponieren in meinem Leben immer mehr Gewicht, und so fällt im Sommer 1976 während der Arbeit an meiner ersten Opernpartitur (unvollendet) der Entschluss, meine Stelle in der Badischen Staatskapelle Karlsruhe (in der ich seit 1973 als Bratschist Mitglied war) zur Spielzeit 1977 zu kündigen, um mehr Zeit zum Komponieren zu haben.
Über 20 Jahre sind vergangen, in denen Friedrich Hölderlin in meinem Leben und meiner Musik keine Rolle mehr gespielt hat, bis zufällig 1992 ein kleines Buch mit Gedichten, Texten, Fragmenten verschiedener Dichter und Schriftsteller in meine Hände fällt, und ich lese Hölderlin, aus Hyperion; »…wie ein zerrissen Saitenspiel…«, und plötzlich gibt es wieder Annäherung an Friedrich Hölderlin, scheu, unsicher, aber von drei Seiten:
Drei Lieder für Sopran und Klarinette (1993)
Hölderlin-Fragmente für Tenor und Orchester (1993)
und als drittes Werk ein Violinkonzert, das zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Textes noch in Arbeit ist.
Xaver Paul Thoma
Bad Mergentheim, 17. II. 94

Joachim Schall

Joachim Schall

UA 19./20. November 1995 Stuttgart Liederhalle

Staatsorchester Stuttgart
Joachim Schall – Solovioline
Philippe Augin – Dirigent

Presse-Echo:
Thomas Violinkonzert trägt den Titel „… wie ein zerrissen Saitenspiel“. Die Anspielung auf Hölderlins „Hyperion“ scheint nicht zuletzt auf die „lichte Bläue“ gemünzt, in der sich die Solovioline von Anfang an ergeht, über den brodelnden dumpfen Tiefen, die. dem… >>>In lichter Bläue